Osnabrücker Zentrum für mathematisches Lernen

Rechenschwäche im Gymnasium

Donnerstag, 11, Dezember 2003
PMF04 Nr. 288 WESTFALENPOST
DIE JUNGE WP
Bauchschmerzen beim Gedanken an Mathe
Dyskalkulie ist eine krankhafte Matheschwäche, unter der Caroline Beck leidet / Auf der Jugendseite schreibt sie darüber

Von Carolin Beck / Sümmern

"Ich habe Dyskalkuliel" Bitte, was? So oder so ähnlich werdet ihr reagiert haben
- und damit seid Ihr nicht allein. Denn kaum einer kennt diese Krankheit.
Menschen, die wie Carolin Beck unter ihr leiden, haben eine Matheschwäche.

"Dyskalkulie ist so etwas wie die Lese- und Schreibschwäche bei Legasthenikern -
nur in Mathe. Ich habe immer alles auswendig gelernt, von Grundrechenarten bis
zum Einmaleins. Konnte Lösungen auswendig. Ich hab mit Fingern gezählt.
Dieses Talent hab ich mir bis heute beibehalten. Ich kann mit Fingern über
den Zehner bis mindestens 20 rechnen. Ich stelle mir dabei die Finger nach 10 vor..

Meine auswendig gelernten Lösungswege habe ich einfach niedergeschrieben,
dabei verstand ich den Sinn nie. Ich brauchte für Hausaufgaben unendlich lange
und bei Mathe Unterstützung. Es gab viel Gezeter und Geschrei. Wenn wir mit
Größen oder Einheiten in der Schule rechneten, mussten meine Eltern mir alles
abwiegen, damit ich Anschauungsmaterial hatte.

Aufgeflogen
Das ging so durch die Grundschule gut, jedoch auf dem Gymnasium ist meine
"Theorie des Auswendiglernens" aufgeflogen: Es hagelte Fünfen und Sechsen
Dezimal- und Bruchrechnung muss man verstehen - da hilft kein vorgegebenes Raster
zum Auswendiglernen. Ich verzweifelte, obwohl ich lernte und lernte.
Da ich mich nun voll auf Mathe konzentrierte, litten meine restlichen Fächer und Ich
sackte in der Schule total ab. Meine Eltern machten sich Sorgen. Im Internet stießen
sie schließlich auf das MLZ, das Mathematisch Lerntherapeutische Zentrum
in Dortmund. Wir vereinbarten einen Termin und ich wurde daraufhin dort auf
Dyskalkulie getestet - positiv. Nach dem erstenSchock arbeiten meine Eltern, mein
Therapeut und ich weitere Schritte aus. Seitdemfahre ich jeden Freitagnachmittag
ins MLZ.  Anfangs holten mein Therapeut Wolfgang und ich die Lücken aus der
Grundschule auf (wohlbemerkt war ich zu diesem Zeitpunkt in der 8. Klasse!),
mittlerweile sind wir auf dem aktuellen Stand meines Matheunterrichts.

Keine Bauchschmerzen
Die "Therapie" ist eigentlich wie eine Einzel-Nachhilfe. Es wird dann am Freitag
durchgesprochen und erklärt, was es die ganze Woche mathemäßig Neues gegeben
hat und Altes wird wiederholt. Wolfgang und ich sind inzwischen gut aufeinander
eingespielt, er sieht mir schon an, wenn ich nur so tue, als hätte ich es verstanden und
es macht mir echt Spaß dort zu lernen. Ich sehe Erfolge und es einfach ist viel lockerer
als im Mathe-Unterricht. Ja, inzwischen krieg ich keine Bauchschmerzen mehr beim
Gedanken an Mathe.

Mit den Fingern zählen, um eine Rechenaufgabe
überhaupt lösen zu können

Dortmunder MLZ-Therapeut Wolfgang Hoffmann beschreibt Symptome von
Dyskalkulle / Kinder leiden sehr unter ihrer Lernschwäche im Rechnen

DORTMUND. Es gibt für Dyskalkulie keine eindeutige Erklärung. Wörtlich übersetzt
heißt es: nicht rechnen können. Es ist eine Teilleistungsschwä-che. bei der schon
elementare Sachen aus der Grundschule nicht entwickelt sind. "Unsere Kinder wissen
nicht, was Plus. Minus, Mal und Geteilt ist", sagt Therapeut Wolfgang Hoffmann. Er hat
das mathe-matisch lerntherapeutische Zentrum (MLZ) in Dortmund gegründet.

Beim Dyskalkulie-Test ist die erste Aufgabe 8+5=? Errechnet eins von Hoffmanns
Therapie-Kindern das richtige Ergebnis 13, folgt die zweite Aufgabe: 13-5=?
Dyskalkulie-Kinder sehen keinen Zusammenhang zwischen den Aufgaben. Jedes
rechenschwache Kind hat mit der Zeit eine eigene Rechenmethode entwickelt und
diese herauszufinden, macht die Sache so kompliziert:", so Therapeut Hoffmann.
Am Anfang müssten die Therapeuten jedes Kind beobachten und versuchen,
sich in seinen Kopf hineinzuversetzen.

"Die Kinder leiden unter ihrem Mathe-Problem. Sie wollen nicht mehr zur Schule,
kriegen Bauchschmerzen bei dem Gedanken an Mathe, einige erbrechen sich
schlagartig, wenn sie nur das Mathe-Buch sehen", so Hoffmann. Dadurch, dass die
Therapeuten im MLZ die Kinder verstehen und ihnen Hilfe anbieten, schöpfen diese
schnell Vertrauen. Bei der Therapiestunde sind sie allein, sie können sich vor
niemandem blamieren.

Dyskalkulie-Kinder werden auch Zähl-Kinder genannt, denn das Zählen mit den
Fingern ist ein klassisches Symptom vorn Dyskalkulie. Sie rechnen nicht, sie zählen
nur an ihren Fingern hoch bzw. runter. Außerdem brauchen sie viel
Anschauungsmaterial, sie müssen einen Bezug zu dem bekommen, was sie rechnen.
Ebenfalls ein klassisches Indiz für Dyskalkulie sind Probleme bei der Zehner- oder
Hunderterüberschreitung. Auch typisch für rechenschwache Kinder ist der Hass auf
Subtraktion, denn da zählen sie runter und kommen schnell durcheinander. Auch das
Lesen der Uhr, das Bezahlen mit Geld oder das generelle Rechnen mit physikalischen
Größen bereitet den Kindern große Probleme.

"Dyskalkulie-Kinder wirken oft geistesabwesend und unkonzentriert beim Rechnen.
Das sind sie jedoch nicht, sie sind hochkonzentriert, starren dabei meistens an die
Decke oder aus dem Fenster, um sich ihre Finger vorstellen zu können", erklärt
Hoffmann. Man dürfe es den Kindern nicht Übel nehmen, wenn sie heute "Erlerntes*
schon morgen nicht mehr wissen. Hoffmann: "Wer kann sich ohne weiteres
chinesische Vokabeln merken?"

Die
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